Kostproben aus

Georg Christoph Lichtenberg: Sudelbücher


Aus dem Sudelbuch B (1768-1771)

[B 1]
Wenn er seinen Verstand gebrauchen sollte, so war es ihm als wenn jemand, der beständig seine rechte Hand gebraucht hat, etwas mit der linken tun soll.

[B 3]
Er hatte zu nichts Appetit und aß doch von allem.

[B 42]
Blut, das 40 Ahnen durch allzeit unter eigenen Westen geflossen hat, rann nun zum ersten Mal unter einer geborgten.

[B 48]
Sein Rock war mehr wert als seine Ehre, und jeder Jude hätte ihm mehr für jenen, als für diese gegeben.

[B 161]
Er hatte schon längst den stillen Vorsatz bei sich gefaßt, etwas zu tun, daß entweder in die gelehrte oder in die politische Zeitung kommen müßte.

[B 189]
Das einzige, was er Männliches an sich hatte, konnte er des Wohlanstandes wegen nicht sehen lassen. ...

[B 199]
Er trug die Livree des Hungers und des Elends.

[B 213]
Graf Kettler. Seine Aussprache war so wie des Demosthenes seine, wenn er das Maul voller Kieselsteine hatte.

[B 216]
Ihr Unterrock war blau und rot sehr breit gestreift und sah aus, als wenn er aus einem Theatervorhang gemacht wäre. Ich hätte für den ersten Platz viel gegeben, aber es wurde nicht gespielt.

[B 249]
Nimm dich in acht, daß meine Geduld nicht über deiner Langsamkeit ablauft. Auf meine Ehre, ich ziehe sie deinetwegen nicht noch einmal auf.

[B 255]
Wenn ich einmal sein Leben herausgebe, so suchen Sie gleich im Index die Wörter Bouteille und Selbst-Genuß auf, sie enthalten das Wichtigste von ihm.

[B 258]
Er bewegte sich so langsam als wie ein Stunden-Zeiger unter einem Haufen von Sekunden-Zeigern.

[B 273]
Ich habe mit ihm 2 Jahre in einerlei Nachtgeschirr gepisset und kann also schon wissen was an ihm ist.

[B 288]
Etwas in Prose oder in Versen arbeiten zu können, ist zu gewissen Zeiten eben so bequem, als sich selbst rasieren oder frisieren zu können.

[B 304]
Wenn die wilden Schweine dem armen Manne seine Felder verderben, so rechnet man es ihm unter dem Namen Wildschaden für göttliche Schickung an.

[B 318]
Eine Gedanken fliehende Kraft.

[B 342]
Unter den heiligsten Zeilen des Sheakespear wünschte ich, daß diejenigen einmal mit Rot erschienen möchten, die wir einem zur glücklichen Stunde getrunkenen Glas Wein zu danken haben.

[B 344]
Ein gewisser Freund den ich kannte pflegte seinen Leib in drei Etagen zu teilen, den Kopf, die Brust und den Unterleib, und er wünschte öfters, daß sich die Hausleute der obersten und der untersten Etage besser vertragen könnten.

[B 387]
Es kann nicht alles ganz richtig sein in der Welt weil die Menschen noch mit Betrügereien regiert werden müssen.

[B 389]
Es tun mir viele Sachen weh, die andern nur leid tun.

[B 394]
Ich warf allerlei Gedanken im Kopf herum bis endlich folgender obenhin zu liegen kam.

[B 396]
Fein war er eigentlich nicht, allein er verstund doch die Kunst, wenn er es bedurfte, zuweilen auf seinen Nebenmenschen zu reiten.

[B 415]
In saufbrüderlicher und kaffeeschwesterlicher Eintracht.